Foto: Klaus Franke

Stollen und Früchtepunsch am Bahnsteig

Geschrieben von Dorothee Herrmann Veröffentlicht: .

Etwa 200 Menschen aus Tübingen, Rottenburg und Reutlingen kamen an den beiden Weihnachtsfeiertagen zur Lichterstube der Tübinger Bahnhofsmission mit Kaffeetafel und Festmenü.

Ein Essen im Restaurant können sich die Weihnachtsgäste der Bahnhofsmission Tübingen sonst nie leisten. „Viele bekommen Hartz IV und müssen mit ganz wenig Geld leben“, sagte Sieglinde Lohmüller. Die zupackende Rentnerin aus Bühl war eine von etwa 20 freiwilligen Helfern, die an den beiden Weihnachtsfeiertagen die Kaffeetafel mit Keksen, Stollen und Panettone bestückten, Kaffee, Tee und Früchtepunsch kochten und Gutscheine für ein dreigängiges Menü in der Gaststätte Hauptbahnhof verteilten. Als Nachtisch gab es saisontypisch Bratapfel mit Vanillesoße.

„Schöne Feiertage und vielen, vielen Dank für eure Bahnhofsmission“, so verabschiedete sich am gestrigen Montagnachmittag der 28-jährige Marco

Lukas aus der Tübinger Südstadt. Er hat sich das Festmenü einpacken lassen, weil er eine größere Mahlzeit erst abends verträgt.

Weil das Domizil der Bahnhofsmission am Gleis1 für den weihnachtlichen Ansturm viel zu klein gewesen wäre, stellte das Team der städtischen Mobilen Jugendarbeit einen Raum auf der Westseite des Bahnhofsgebäudes zur Verfügung. „Wir sind sehr froh, dass wir diesen Raum bekommen haben. Die Leute wollen nicht in die Stadt. Der Bahnhof ist ihre Oase“, so Lohmüller.

Auch die Katholische Kirchengemeinde Sankt Johannes (sie lud an Heiligabend ins Gemeindezentrum Bachgasse), die Evangelische Gesamtkirchengemeinde, der Lions Club, die Kreissparkasse, die Stadtverwaltung und die Gaststätte „Hauptbahnhof“ unterstützten unter anderen die weihnachtliche Lichterstube.

„Es sind lauter nette Menschen, die zu uns kommen“, sagte die Rentnerin. 80

Prozent sind Männer, 20 Prozent Frauen, aus Tübingen, Rottenburg und Reutlingen. „Viele sind vereinsamt“, ergänzte sie. „Wohnungslose versuchen wir ans Tübinger Männerwohnheim zu vermitteln.“

40 bis 50 Besucher sind auch unter der Woche Stammgäste. Mitunter ist der Andrang so groß, dass Lohmüller an einem Morgen ein halbes Pfund Kaffee benötigt. „Manche von ihnen kommen an Weihnachten aus Prinzip nicht.“

Das Team der Bahnhofsmission hatte kleine Geschenktüten vorbereitet: „Eine Kollegin sammelt im Advent bei den Geschäftsleuten in der ganzen Stadt“, erläuterte Lohmüller. In den Tüten stecken vor allem Körperpflegemittel, aber auch ein Fläschchen guter Fruchtsaft oder eine Tafel Schokolade. „Die Besucher können auch untereinander tauschen.“ Größere Stücke sind auf einem Geschenktisch ausgelegt: Kleidung, Handschuhe, Schals. „Die Gäste dürfen sich aussuchen, was sie brauchen.“

Die Rentnerin hilft seit ein paar Jahren bei der Bahnhofsmission und ist mit großem Engagement bei der Sache: „Jeder Tag ist anders. Man weiß morgens nie, was auf einen zukommt.“ Lohmüller mag diese Herausforderung ebenso wie die netten Kolleginnen. Und sie weiß es zu schätzen, dass sie als Ehrenamtliche nicht unvorbereitet im Einsatz ist, sondern bei Fortbildungen geschult wird: In der Kunst des Zuhörens, um besser mit anderen Menschen umgehen zu können, oder darin, was zu tun ist, wenn jemand psychisch angeschlagen ist. Im Extremfall – wenn jemand sagt, er bringt sich um – haben die Helfer/innen den Betreffenden auch schon in die Psychiatrie gebracht oder den Notarzt geholt, sagte sie. Info-Flyer liegen bereit – etwa von der Tübinger Sonntagsküche im Schlatterhaus, von „Frauen helfen

Frauen“ oder vom Arbeitskreis Leben mit dem Motto „Krisen können bewältigt werden“.

Bei den Schulungen lernen die freiwilligen Helfer auch, die eigenen Grenzen zu erkennen, so Lohmüller: „Wie weit kann man, wie weit darf man helfen?“ Manche Besucher werden übergriffig. Andere randalieren am Bahnsteig oder haben bereits Hausverbot. „Es kommen auch Junkies und alkoholisierte Leute.“

„Wir bekommen den Raum von der Bahn gestellt und machen dafür Rundgänge im Bahnhof.“ Dazu gehört auch der Reiseservice: Beispielsweise kann ein blinder Mann anmelden, wann er sich an einem bestimmten Bahnsteig abholen und zum Busbahnhof bringen lassen möchte. Diese Aufgaben machen mittlerweile nur noch etwa 20 Prozent der Tätigkeit der Bahnhofsmission aus. „80 Prozent ist das Soziale“, berichtete Lohmüller. „Das hat sich bundesweit so herauskristallisiert.“

(c) Mit freundlicher Genehmigung: Verlag Schwäbisches Tagblatt.
Autorin: Dorothee Hermann
Foto: Klaus Franke