„Erziehen müssen wir nicht“

Geschrieben von Verena Bufler, Haller Tagblatt Veröffentlicht: .

Horst Bißwanger aus Großaltdorf arbeitet als Reisebegleiter bei der Bahnhofsmission. Er fährt mit Menschen Zug, die nicht alleine reisen können. Meistens sind es Scheidungskinder.

In der Weste der Bahnhofsmission öffnet Horst Bißwanger die Tür zu seinem Haus in Vellberg-Großaltdorf. Früher ging er als Vorstand bei der Raiffeisenbank Bühlertal mit Anzug und Krawatte zur Arbeit. Heute trägt er die blaue Weste mit Stolz. „So eine Uniform wirkt Wunder“, erzählt er. Wenn er am Bahnsteig entlanggehe, nickten ihm die Fahrgäste freundlich zu.

Der 62-jährige Horst Bißwanger ist ehrenamtlicher Reisebegleiter bei der Deutschen Bahn. Er begleitet Scheidungskinder, Menschen mit Behinderung und Mütter mit Kindern. Seine Fahrten führen quer durchs Ländle, mitunter auch nach Augsburg, Würzburg oder Homburg/Saar. Nun hofft er, andere Personen ebenfalls für diese Tätigkeit begeistern zu können.

Horst Bißwanger ist ein Eisenbahn-Fan. Als Lehrling fuhr er mit dem Zug von Großaltdorf nach Hall zur Berufsschule. Schon als Kind spielte er zusammen mit seinem Bruder mit der Modelleisenbahn, die heute auf der Bühne steht – geschützt mit einer Folie. „Da muss ich bald weiterbauen“, sagt er. Er hat die Zeit dazu noch nicht gefunden.

Denn es ist nicht so, dass ihm langweilig wäre, seit er im Jahr 2015 aus der Bank ausgeschieden ist. Er ist Übungsleiter und Kassenprüfer beim Sportverein Jedermänner. „Geschäft ist genug da“, sagt Bißwanger, der vier Kinder und vier Enkel hat. Dennoch ist es für ihn wichtig, rauszukommen und Gutes zu tun.

„Hab noch nie nein gesagt“

Das Schöne an seinem Ehrenamt – neben dem Zugfahren und der Aussicht – ist für ihn, dass er zu nichts verpflichtet ist. Wenn die Bahnhofsmission anruft, kann er jederzeit ablehnen. „Wobei ich noch nie nein gesagt hab“, sagt er und lacht. „Ich freu’ mich immer, wenn ich fahren kann.“ Im Schnitt zwei-, dreimal im Monat.

Sein Ehrenamt verdankt er seiner Ehefrau. Sie war es, die eines Tages heimkam mit den Worten: „Horst, ich habe den idealen Job für dich, wenn du nicht mehr arbeitest.“ Sie hat es nie bereut, ihm diesen Vorschlag gemacht zu haben. „Er kommt immer so zufrieden nach Hause“, sagt sie. Früher hat er sich zum Beispiel über Verspätungen der Bahn aufgeregt. Heute nimmt er’s gelassener. „Wenn man sieht, was die Leute für Probleme meistern müssen – Scheidungen, Behinderungen –, ist man dankbar“, sagt er. Außerdem weiß er heute, wenn Leute auf die Bahn schimpfen, dass diese nicht immer schuld ist. „Manchmal kommt es auch zu Verspätungen, weil Bäume auf die Oberleitung fallen oder Menschen über die Gleise gehen“, weiß er.

Meistens begleitet Horst Bißwanger Scheidungskinder von einem Elternteil zum anderen. Da sieht er auch mal Tränchen fließen. Ausfragen tut er niemanden. Wenn er Menschen häufiger begleitet, erzählen sie mit der Zeit meist von selbst private Dinge. Manche Kinder wollen sich während der Zugfahrt mit ihm unterhalten, herumtoben oder spielen, wofür er „Uno“ und andere Kartenspiele dabei hat. Andere setzen sich Kopfhörer auf die Ohren, zücken ihr Smartphone und sprechen kein Wort. Dann guckt Horst Bißwanger aus dem Fenster und genießt die Gegend. Was ihm lieber ist? „Ich find’s schon netter, wenn wir ein bisschen spielen. Aber erziehen müssen wir nicht“, sagt er diplomatisch.

Quelle: Haller Tagblatt online | von Verena Bufler | 15.03.2017

Foto: Ufuk Arslan

Mit freundlicher Genehmigung

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